Persönlicher Hintergrund

Seit Mitte der Siebzigerjahre beschäftige ich mich damit, wie wir als Menschen unser Zusammenleben lebensdienlich gestalten können.

Aufwachsen von Kindern

Als Jugendlicher, der auf ein normales staatliches Gymnasium ging, habe ich vor allem danach gesucht, wie Kinder und Jugendliche frei aufwachsen können. Angeregt haben mich damals besonders verschiedene sozialistische Schriften, A. S. Neill und die von ihm gegründete Schule in Summerhill sowie Ivan Illich. Meine Sicht wurde 1980 sehr durch Alice Millers Das Drama des begabten Kindes erweitert; weitere Bücher von ihr vertieften meine Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft mit Kindern umgehen, wie dieser Umgang historisch entstanden ist und was ich selbst als Kind erlebt habe. Durch einen Volkshochschulkurs von Bertrand Stern kam ich 1980/81 mit der Antipädagogik und Ekkehard von Braunmühl in Kontakt. Im letzten Schuljahr und in den ersten Monaten danach habe ich in einer Krabbelgruppe gearbeitet. In den Neunzigerjahren lernte ich die Arbeit von Emmi Pikler und ihres Budapester Kinderheims Lóczy kennen. 2008 bin ich Willi Maurer begegnet und habe mit ihm sein im Selbstverlag veröffentlichtes Buch Zugehörigkeit für eine Veröffentlichung im Drachen Verlag überarbeit. Es ist dort 2009 unter dem Titel Der erste Augenblick des Lebens erschienen. Seine und Mareia Langes Gefühls- und Körperarbeit hat mich eigene Verletzungen wiedererleben und heilen lassen. Zudem habe ich dadurch mein Verständnis gesellschaftlicher Wunden und ihrer Wirkungen vertiefen können. Im Rahmen meiner 2005 begonnenen Arbeit als Lektor und Redakteur habe ich seit 2009 mit H. D. Nicolay zusammengearbeitet, unter anderem an seinem Buch Das Legasthenie-Märchen.

Menschen heilen

Nach der Schule wollte ich Arzt werden; mir schwebte eine Verbindung von Psychologie und Medizin in Form einer Art psychosomatischer Medizin vor. Im ersten Studienjahr an der medizinischen Fakultät der Universität Poitiers in Frankreich habe ich hierzu jedoch keine Ansätze gefunden und dieses Studium abgebrochen. Wie Menschen heil werden können – körperlich, seelisch und geistig –, hat mich jedoch nicht aufgehört zu interessieren. In den letzten Jahren ist für mich die gesellschaftliche Seite hinzugekommen: Wir sind nicht nur Individuen, sondern wesentlich auch Gemeinschaftswesen, können dies in der Regel aber nur sehr wenig leben.

Die gesellschaftliche und geschichtliche Dimension

1983 habe ich begonnen, Ethnologie, Geschichte und Afrikanistik in Köln zu studieren. Im Vordergrund stand bald die Frage, woher die starke Rolle rührt, die Religionen in vielen Gesellschaften innehaben. Besonders anregend war für mich der Philosoph Ulrich Wienbruch. Nach dem Grundstudium habe ich mein Hauptfach gewechselt: Mich interessierte immer mehr die Geschichte meiner eigenen Gesellschaft. Wie waren wir zu dem geworden, was wir sind? Welche unbewussten Verletzungen spielen hier eine Rolle und wie wirken sie sich aus? Diese Fragen reichen bis in die Schulzeit zurück. Bis heute prägend sind für mich Klaus Theweleits Männerphantasien. 1986 bin ich nach Berlin umgezogen. Am Religionswissenschaftlichen Institut der Freien Universität habe ich ein ganz außergewöhnliches Tutorium, eigentlich ein voll gültiges Seminar, besucht, das Horst Hanke unter dem Titel Das Menschenbild bei Freud, Dostojewski und dem jungen Marx anbot. Zum ersten Mal erlebte ich, wie fruchtbar Menschen miteinander arbeiten können, wenn sie sich als ganze Menschen und nicht nur in einer Funktion zeigen können. Später waren die Religionswissenschaftler Siegrun Anselm (Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung) und Lorenz Wilkens (eingehenderes Verstehen des jüdischen Testaments) und der Religionsphilosoph Klaus Heinrich mit seinen Gedanken zum Bündnis mit dem Triebgrund der Wirklichkeit und seinen Kunstbetrachtungen wichtige Anreger. Was das Verständnis von Religion, vor allem des Kerns des Christentums, angeht, verdanke ich einigen Büchern Eugen Drewermanns sehr viel (seinen Auslegungen, vor allem der Evangelien, sowie den Strukturen des Bösen). Zwischen 1997 und 2008 habe ich mich intensiv mit der engen Verbindung zwischen nationalen Mythen und Krieg beschäftigt und dazu unter dem Titel Heil und Zerstörung eine Dissertation veröffentlicht, die diese Verbindung beispielhaft an den jugoslawischen Teilungskriegen der Neunzigerjahre untersucht.

Die Welt neu sehen durch Kunst

Kunst, vor allem Literatur, hat mich seit der Schulzeit inspiriert. Lange Zeit habe ich davon geträumt, Schriftsteller zu werden und dabei viel von dem aus Siebenbürgen stammenden Paul Schuster gelernt. In der bildenden Kunst finde ich immer wieder Gelegenheiten, die Welt neu zu sehen und zu begreifen, den Standort und somit das wahrgenommene Gefüge zu verändern. Literatur ermöglicht mir, in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen und zu erleben, dass wir nicht getrennt sind. Tanz und Singen sind für mich die tiefsten und direktesten Ausdrucksformen; Musik lässt sich für mich von ihrer Bewegungsseite, dem Tanz, gar nicht trennen.

Gemeinschaftliche Gesellschaftsgestaltung

Schon als Jugendlicher haben mich gemeinschaftliche Lebens- und Arbeitsformen angezogen. 1995 verwirklichte ich dann endlich einen alten Traum und zog in eine Landkommune im thüringischen Eichsfeld. Uns mit knapp zehn Erwachsenen um zwei, später drei alte Fachwerkhäuser, einen landwirtschaftlichen und zwei Gartenbaubetriebe, drei kleine Kinder und die Verständigung untereinander zu kümmern, hat mich sehr überfordert, und so bin ich nach anderthalb Jahren wieder ausgezogen. Viele Jahre habe ich mich mit gesellschaftlichen Entwicklungen nur theoretisch auseinandergesetzt. Das änderte sich, als ich 2004 Don Edward Becks und Christopher C. Cowans Buch Spiral Dynamics und der gleichnamigen Sicht der menschlichen Entwicklung begegnet bin – zusammen mit dem integralen Ansatz von Ken Wilber eine mich faszinierende Möglichkeit, die menschliche Geschichte als einen sinnvollen Zusammenhang zu verstehen. 2006/2007 habe ich das Buch ins Deutsche übersetzt und seitdem viel damit gearbeitet, allerdings in zunehmender kritischer Distanz. Von 2006 bis 2014 habe ich in der Fachgruppe integrale Politik des Integralen Forums gearbeitet, wo wir versuchten, Ansätze einer integralen Politik zu entwickeln. Diese besteht nach meinem dort entwickelten Verständnis zuerst einmal aus einer anderen internen Kommunikation, getragen davon, dass wir einander als ganze Menschen mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen begegnen und gemeinsam eine facettenreiche Sicht der Wirklichkeit zusammensetzen. Im August 2008 hat mir der Kongress Integrale Politik (KIP) im österreichischen Sankt Arbogast weitere wesentliche Impulse zu einem ganzheitlichen Verständnis von Politik vermittelt. Ebenfalls seit 2008 hat die Mitarbeit in der Gruppe „Gewaltfreie Kommunikation und Politik“ (nach Marshall B. Rosenberg) sechs Jahre hindurch mein Verständnis förderlicher Kommunikation vertieft. 2009 habe ich Nicole Liegers Politik der Anziehung kennengelernt, was meine Vision einer anderen Form von Politik noch einmal erweitert und die verschiedenen Aspekte klarer miteinander verbunden hat. Da ich einige Jahre mit ihr zusammengelebt habe, sind ihre Gedanken und Erfahrungen sowie unser Austausch für mich ganz besonders fruchtbare Inspirationsquellen gewesen. Dies alles konkret in die Gesellschaft einzubringen, wächst in kleinen Schritten. Auf einigen Veranstaltungen – etwa auf den Kongressen Integrale Politik 2008 und 2012, dem Sozialforum in Deutschland 2009, einem Open Space Empathie und Politik 2010, innerhalb der Akademie Solidarische Akademie, verschiedenen Veranstaltungen der Berliner Gemeinwohl-Ökonomie für einen Wirtschaftskonvent und auf den Holon-Sommerwochen 2013 bis 2015 – habe ich diese Ideen weitervermittelt. Seit Sommer 2011 habe ich zudem immer wieder an TAU – Magazin für Barfußpolitik, das in Wien erscheint, mitgearbeitet.

Ein wesentlicher Teil meiner beruflichen Arbeit war zudem von 1988 bis 2014 die Assistenz schwerstbehinderter Menschen. Sie hat meine Perspektive auf unsere Gesellschaft sowie die Bedeutung von Kommunikation erheblich geprägt.

 

Carl Polónyi, 23. November 2015

 

Syndicate content